Hyperbaustelle

2110 – Vom Ende der Geschichte

Donnerstag, 02. September 2010 von nov

nov, 2. September 2110

Manche Menschen leben immer noch in der Annahme, wir befänden uns bereits jenseits des Endes der Geschichte, eine alte US-amerikanische Zwangsvorstellung. Geschichte ist aber kein Organismus, der unabhängig vom Menschen wächst und neben ihm einfach sterben kann. Wir haben gerade erst gelernt, dass wir Geschichte gestalten können, und schon wollen wir sie wieder verabschieden. Als ob wir Angst davor hätten, einen Plan zu haben …

Warum haben wir unserer Epoche keinen Namen mehr gegeben? Oder so viele, dass die Benennung keinen Sinn mehr ergab? Post… Post… Post… Post… Angekommen in einem Nirvana, das scheinbar eine Zeit ohne uns selbst imaginiert. Die Welt, wie sie wäre, wenn es keinen Menschen mehr gäbe, aber ein Subjekt, das diese menschenleere Welt beobachten kann. Die eigene Beerdigung, der man selbst beiwohnt. Die Apokalypse, die man im Restaurant am Ende des Universums genießt – ein spätbürgerlicher Selbstüberschreitungsversuch.

To be continued …

Alle Tagebucheinträge von nov aus dem 22. Jahrhundert

Demokratie ist keine Tatsache – Oskar Negt

Dienstag, 31. August 2010 von urb

Der Tod der Utopien hat uns den Tatsachenmenschen in die Hände gespielt. So meldet sich der Philosoph Oskar Negt mit einem aufklärerischen Bekenntnis zu Wort. Auf Spiegel online betont er die Wichtigkeit des fortwährenden Lernens von Demokratie und hat große Resonanz im Netz. Aber was kann Aufklärung noch ausrichten, wenn sie nicht handeln darf?

Oskar Negt, deutscher Sozialphilosoph, führender Denker der Kritischen Theorie und einige Zeit auch Berater von Kanzlerkandidat Schröder

Oskar Negt, deutscher Sozialphilosoph, führender Denker der Kritischen Theorie und einige Zeit auch Berater von Kanzlerkandidat Schröder; Foto von www.litera-hannover.de

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2110 – Getragen, nicht erblickt

Freitag, 06. August 2010 von nov

nov, 7. August 2110

Habe mir ein uraltes Buch geladen: die Essais von Montaigne – Versuche eines Einzelnen, über sich und seine Zeit nachzudenken. Ich bin über die Seltsamkeit dieser Ausführungen verwundert, aber tief beeindruckt. »Mit anderen zu reden, haben sie gelernt, mit sich selber, nicht. Doch nicht zu reden gilt es, sondern das Steuer zu führen.« Ich werde mit niemandem über diese Gedanken reden können. Denn es gibt keine Schiene, auf der sie in ein öffentliches Bewusstsein einfahren könnten.

Themen und Diskussionen werden heute, wie wohl auch schon zu früheren Zeiten, von Schwärmen getragen – breite Zusammenschlüsse über die Kommunikationskanäle, kreisende Erregungen. Man fügt sich ein und wird von einer Umgebungslogik erfasst, bei der man mitschwimmt, als handele man nach einer inneren Eingebung. Alles wird getragen, aber nicht erblickt, wie es Montaigne von seinem Turmzimmer aus wohl getan hat.

To be continued …

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Nieder mit IT – Pigor rappt

Donnerstag, 05. August 2010 von urb

Die IT-Branche hat leider nicht kapiert, dass sie uns dienen soll, und nicht wir ihnen. Wenn Pigor Rache für die gebrochenen Versprechen von IT fordert, spricht er vielen aus dem Herzen, und das mit einem Sprachwitz und einer schauspielerischen Glanzleistung, die Mut geben im Kampf gegen die Maschinen und den Jugendgerätewahn. Suchen wir den Button doch einfach nicht mehr.

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Nachhaltiger Juli

Montag, 02. August 2010 von urb

»Baut kleine geile Firmen auf« – oder um die Aufforderung Funny van Dannens zu präzisieren: den Großen Konkurrenz mit Businessmodellen machen, die Verantwortung für natürliche Ressourcen und sozialen Zusammenhalt tragen und nicht ausschließlich monetäre Ziele verfolgen. Wie das mit Regenwäldern,  Suchmaschinen und Arbeitsplätzen zusammenhängt, war vergangenes Monat Thema auf der Hyperbaustelle.

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Hirne im Dreivierteltakt

Donnerstag, 29. Juli 2010 von urb

Walzerharmonie wäre zu viel gesagt, aber Filmen zuschauen und Gespräche führen taktet und bringt in Gleichklang. Die Neurowissenschaftler von der Princeton Universität erbrachten einen neuen Beleg für die Empathie- und Antizipationsfähigkeit des Menschen. Und dafür, dass Rezipieren und miteinander reden vorausschauende Angelegenheiten sind.

Inter-subject correlation analysis (ISC)

Uri Hasson ist u.a. ein Vertreter der Neurocinematics, der Neurowissenschaft des Films. Die "inter-subject correlation analysis" (ISC) zeigt die Hirnaktivitäten während des Betrachtens eines Films, die Muster der Probanden gleichen sich bei jedem Film.

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Harapan – Hoffen auf Indonesisch

Mittwoch, 28. Juli 2010 von urb

Hoffnung ist das zentrale Wort im Sprachschatz utopischer Denkungsarten – um so schöner klingt es auf Indonesisch, seit es ein Stück Regenwald in Sumatra bezeichnet, das von einer großen Koalition aus internationalen Verbänden geschützt wird. Sie traten 2007 auf den Plan, um die Hoffnung konkret werden zu lassen.

Batin Sembilan

Die Kinder der Batin Sembilan; Foto: Birdlife

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2110 – Cybermoral mit Pfiff

Dienstag, 27. Juli 2010 von nov

nov, 27. Juli 2110

Heute wird mit Informationen gesteinigt. Enthüllungen kommen als Holografie ins Haus. Auf den Schiedsplattformen im Netz können sie eingeladen werden. Man sieht sich schon bald umringt von den gewaltigsten Vergehen und erlebt sie plastisch mit.

Aber wie detailliert müssen die Beweise sein, dass man erkennt, dass kriegsähnliche Zustände Kriege sind, dass Kriege brutal und nicht chirurgisch geführt werden und grundsätzlich zivile Opfer fordern? Leider ist es so, dass uns die fortwährenden Enthüllungen abgestumpft haben. Sie haben sich mit einem fiktiven Charme ausgestattet, und gerne sagt man: “Wieder mal eine gut gemachte Denunziationskampagne!”

Trotzdem gibt es keine Alternative zum Blasen der Pfeife, gerade wenn man, bestätigt durch Dokumente und Holobeweis, plötzlich sicher weiß, was man schon immer wusste.

To be continued …

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Bloch – 125 Jahre oft im Abseits

Sonntag, 25. Juli 2010 von urb

Am 8. Juli 2010 wäre Ernst Bloch, der Denker des Noch-nicht und der konkreten Utopie, 125 Jahre alt geworden. Anlässlich des Jubiläums wird an den ein wenig in Vergessenheit geratenen Ketzer erinnert: ein Interview, zwei Bände ausgewählter Schriften, eine Bildmonografie, ein Zukunftssymposium und ein Wörterbuch.

Der Philosoph Ernst Bloch; Foto: urb

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2110 – Sport ist wunderbar ungerecht

Freitag, 09. Juli 2010 von nov

nov, 9. Juli 2110

Ein überzeugender Sieg! Meine Holografie reißt die Arme hoch und rennt über das Spielfeld. In mir klopft sich etwas auf die Brust, die breiter und breiter wird. Dann springe auch ich auf und jubele. Meine Mitspieler tun das Gleiche, und deren Holografien auf dem Spielfeld werfen sich aufeinander, bis sie, von der untersten angefangen, nacheinander ausgeschaltet werden. Das besiegte Team sammelt sich vor dem Eingang und wird von uns mit eigens zu diesem Zweck gedichteten Schmäh-Microposts verspottet.

Die Ungerechtigkeit, die aus einer direkten Konkurrenz erwächst, begeistert uns noch immer, auch wenn wir nur noch Stellvertreter auf dem Spielfeld agieren lassen. Jemanden zu besiegen, erweckt uralte Gefühle in uns, denen wir uns gerne hingeben. Zumindest für eine gewisse Zeit einen Gegner zu haben, entlässt uns aus unserer Monadenwelt und schweißt uns mit anderen zusammen. Wir haben ein Ziel, denken wir, wo wir uns doch nur ablenken. Die Tat erfrischt, weil sie beschränkt.

To be continued …

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Ecosia – eine nachhaltige Geschäftsidee

Mittwoch, 07. Juli 2010 von urb

Nachhaltigkeit ist schon längst zum Marketingargument geworden. Die Suchmaschine Ecosia spricht Nutzer gezielt über die Mithilfe bei der Rettung des Regenwalds an. Jana Kroll ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und äußert sich auf der Hyperbaustelle zu persönlichen Motiven, Zielen und Utopien im Zusammenhang mit nachhaltigen Geschäftsideen.

Jana Kroll von Ecosia

Jana Kroll von Ecosia; Foto: Privat

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Juni-Passion

Sonntag, 04. Juli 2010 von urb

Während die Welt nach Südafrika schaut und großzügig über die Bannmeilen und Geschäftemachereien der Fifa hinwegsieht, sickert das Sparpaket der schwarz-gelben Koalition langsam in die Duldsamkeit der Deutschen. Als Gegengewicht wurde auf der Hyperbaustelle der französische Philosoph Alain Badiou vorgestellt, der sich von einer Passion, Erkenntnisse in die Realität umzusetzen, leiten lässt. Eine antikommerzielle Einstellung beseelt auch den Jazzmusiker Steve Coleman, der seine Alben kostenlos zum Download anbietet.

Torjubel

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